Leipziger Erklärung
zur
Bedeutung der Geowissenschaften
in Lehrerbildung und Schule
30. Oktober 1996
Alfred-Wegener-Stiftung für
Geowissenschaften
in Gemeinschaft mit der
Deutschen Gesellschaft für
Geographie e.V.und dem Institut
für Länderkunde in Leipzig
Die Leipziger Erklärung zur Bedeutung
der Geowissenschaften
in Lehrerbildung und Schule ist
das Ergebnis einer Alfred-Wegener-Konferenz
im Institut für Länderkunde in Leipzig vom 28. bis 30.
Oktober
1996.
Die Konferenzteilnehmer
repräsentierten die folgenden Wissenschaften
bzw. Fachgebiete:
Mineralogie, Geologie, Geophysik,
Paläontologie, Bodenkunde, Hydrologie,
Polar_ und Meeresforschung, Meteorologie, Physische Geographie,
Geomorphologie,
Geoökologie, Anthropogeographie, Regionale Geographie, Angewandte
Geographie, Didaktik der Geographie, Schulgeographie,
Museumspädagogik
und Bildungspolitik.
Die Ziele dieser Erklärung sind:
-
auf den Beitrag der Geowissenschaften zur Erforschung der Erde
hinzuweisen,
-
Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen zu beschreiben, die
unsere
Gesellschaft für eine nachhaltige Entwicklung der Erde
qualifizieren
könnten,
-
den Geowissenschaften eine angemessene Stellung im deutschen
Bildungssystem
zu sichern und
-
damit den Geographieunterricht in Lehrerbildung und Schule zu
stärken.
Diese Erklärung wird allen, die
für die Bildungspolitik in Deutschland
Verantwortung tragen, zur Umsetzung dringend empfohlen.
Vorbereitungskommission:
Prof. Dr. W. Andres,
ehem. Mitglied des Präsidiums der
Alfred-Wegener-Stiftung
Prof. Dr. A. Mayr,
Direktor des Instituts für Länderkunde
in Leipzig
StDir Dr. D. Richter, Vorsitzender des Verbandes Deutscher
Schulgeographen
e.V.
Prof. Dr. H. Haubrich, Past Chairman of the Commission
Geographical
Education of the International Geographical Union (Federführung)
Leipziger Erklärung zur Bedeutung
der Geowissenschaften in Lehrerbildung
und Schule
Wir, die
Teilnehmer der Alfred-Wegener-Konferenz 1996,
erfüllen unsere
staatsbürgerliche Pflicht, indem wir in dieser
Erklärung auf für eine zukunftsfähige Entwicklung der
Erde
unverzichtbare geowissenschaftliche und geographische Kenntnisse,
Fähigkeiten
und Einstellungen hinweisen.
Wir tun dies
aus tiefer Sorge um die Zukunft der Erde
und um die notwendige Befähigung der Gesellschaft für eine
nachhaltige Entwicklung.
Wir beklagen
das Defizit der geowissenschaftlichen und geographischen Bildung
unserer
Gesellschaft und die unzureichenden Entfaltungsmöglichkeiten der
Geowissenschaften
im Geographieunterricht der Schule
und in der Ausbildung der Geographielehrerenden an der Hochschule
.
Wir gründen
diese Erklärung auf die folgenden nationalen und internationalen
Dokumente:
International Charter on Geographical Education (Washington 1992),
Agenda 21 (insbes. Kapitel 35 und 36)
Déclaration internationale des droits de la mémoire de
la Terre (Digne-les-Bains 1991)
Universelle Erklärung der Menschenrechte 1948 (insb. Artikel 25
und 26)
Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland (insbes. Artikel
20a)
Habitat Agenda (Istanbul 1996).
Wir empfehlen
diese Erklärung allen Verantwortlichen in Politik und Bildung
zur Umsetzung in Schule, Hochschule und Gesellschaft zu beachten und
die
bildungspolitischen Konsequenzen zu ziehen.
Die Erde - ihre Situation gestern,
heute und morgen
Die Erde - ihre Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft
Die Menschheit steht in Gegenwart und
Zukunft vor Herausforderungen, die
sowohl die natürliche Ausstattung der Erde als auch ihre
gesellschaftlichen
Entwicklungen betreffen.
Die Erde - ihre Nutzung und Bewahrung
durch eine nachhaltige Entwicklung
Diese Nachhaltigkeit (Sustainability)
ist spätestens seit der Konferenz
der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de
Janeiro
zu einem auch allgemein anerkannten Leitprinzip der Entwicklung der
Erde
geworden. Schon der Brundtland-Bericht definierte "Sustainable
Development"
wie folgt: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die
Bedürfnisse
der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige
Generationen
ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." (Unsere
gemeinsame
Zukunft 1987, S. 46) "Nachhaltigkeit" beinhaltet die interdependenten
und
sich konfligierenden Aspekte der Ökologie-, Ökonomie- und
Sozialverträglichkeit
der Entwicklung.
Während die Geowissenschaften im
engeren Sinne Modelle zur Ökologieverträglichkeit
anbieten können, erlauben die natur- und sozialwissenschaftlichen
Betrachtungs-und Arbeitsweisen der Geographie außerdem Aussagen
zur
Sozial- und Ökonomieverträglichkeit. Die Forschungsleistung
aller
hier beteiligten Wissenschaften stehen im Dienst der nachhaltigen
Nutzung
und Bewahrung der Erde.
Die Erde - ein Forschungsgegenstand der
Geowissenschaften
Zu den zentralen geographischen
Inhalten des Schulunterrichts müssen
die Geowissenschaften Beiträge leisten, die sich beispielsweise
aus
den folgenden Forschungs- und Arbeitsgebieten ergeben:
erdgeschichtliche Entwicklung der
Ökosysteme zur Beurteilung zukünftig
möglicher Situationen
irdische Stoffkreisläufe und
ihre Bedeutung für den Menschen
Dynamik der Erde, Plattentektonik und
daraus erwachsende Naturgefahren
Böden als eine Grundlage
für eine ausreichende Ernährung
der wachsenden Weltbevölkerung
Wasserhaushalt des festen Landes
aktuelle Wechselwirkungen zwischen
Geosphäre und Biosphäre
Zirkulation der Ozeane und Klima
Einfluß der polaren Eiskappen
auf Klimawandel und Meeresspiegelschwankungen
raum-zeitlicher Klimawandel und
Auswirkungen auf regionale Lebensbedingungen
Dynamik und Chemie der Stockwerke der
Atmosphäre
Die Erde - ein Bildungsinhalt zur
Qualifizierung unserer Gesellschaft für
eine zukunftsfähige Entwicklung
Die nachhaltige Entwicklung und
Gestaltung bedürfen neben der geowissenschaftlichen
und geographischen Forschung eines qualifizierten Engagements aller
Mitglieder
unserer Gesellschaft auf der Basis angemessener geowissenschaftlicher
und
geographischer Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen und
Verhaltensweisen.
Der damit verbundene Auftrag an die Schule kann nur erfüllt
werden,
wenn außer den traditionellen Inhalten des Geographieunterrichts
auch grundlegende Ergebnisse der Geowissenschaften in die
Lehrpläne
aufgenommen werden.
Kenntnis und Verstehen
der natürlichen Systeme der Erde (Landformen, Böden,
Gewässer,
Klimate, Lebensgemeinschaften) und ihre Interaktionen sowie
der sozio-ökonomischen Systeme der Erde (Landwirtschaft, Siedlung,
Transport, Industrie, Handel, Energie, Bevölkerung u.a.m.) und der
wechselseitigen Beziehungen zwischen natürlichen Bedingungen und
menschlichen
Aktivitäten.
Fähigkeiten
zur Anwendung geowissenschaftlicher und geographischer Methoden wie
Feldbeobachtung und -kartierung und
zur Nutzung geowissenschaftlicher und geographischer Informationsformen
der Datenbeschaffung, -interpretation und -anwendung.
Einstellungen und Verhaltensweisen
Reges Interesse an ihrem Lebensraum und an der Vielfalt der
natürlichen
und kulturellen Erscheinungen auf der Oberfläche der Erde zu
nehmen;
Die Schönheit der natürlichen Welt einerseits und die
Verschiedenheit
der Lebensbedingungen der Menschen andererseits zu schätzen;
Über die Qualität der Umwelt und den Lebensraum
zukünftiger
Generationen besorgt zu sein;
Bereit zu sein, geographische Kenntnisse und Fähigkeiten im
privaten,
beruflichen und öffentlichen Leben angemessen zu nutzen;
Den Einstellungen und Einsichten entsprechend zu handeln.
Bildungspolitische Konsequenzen
Das
Verstehen der Probleme unserer Erde und die Kompetenz für
umwelt- und sozialverträgliches Handeln verlangt ein Fach,
-
in dem die natur- und sozialwissenschaftlichen Aspekte in direkter
Verbindung
und gleichgewichtig dargestellt und
-
die Lebenswirklichkeiten und die Möglichkeiten ihrer Gestaltung in
räumlicher Perspektive behandelt werden.
Dies ist nur auf geowissenschaftlicher
Grundlage zu leisten.
Um eine angemessene
geowissenschaftlich/geographische Bildung unserer
Gesellschaft zu garantieren und um den Anschluß an die
didaktischen
Entwicklungen in vergleichbaren Industriestaaten nicht zu verlieren,
sind
die folgenden bildungspolitischen Konsequenzen notwendig:
Stärkung der Geographie als
eigenständiges Fach
Damit eine sachgerechte Vorbereitung auf die Zukunft gewährleistet
werden kann, sollte Geographie zum Bildungskern der Curricula der
Primarstufe
sowie der Sekundarstufen I und II zählen. In der Sekundarstufe und
später sollte es von ausgebildeten Fachlehrenden als
eigenständiges
Fach unterrichtet werden. Geographie bildet ein Bindeglied zwischen
Natur-und
Sozialwissenschaften und ist damit disziplinübergreifend.
Außer
historischen und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen bezieht der
Geographieunterricht
zentrale Inhalte der Geowissenschaften ein. Die geographische Situation
der Erde ist erst aus ihrem erdgeschichtlichen Werden zu verstehen.
Obligatorischer und kontinuierlicher
Unterricht
Es ist von wesentlicher Bedeutung, daß alle Schülerinnen
und Schüler durch alle Jahre der allgemeinen Schulbildung einen
kontinuierlichen
Geographieunterricht erhalten. Nur diese Voraussetzung macht es
möglich,
daß sowohl der Beitrag der Geographie zur Allgemeinbildung als
auch
ihr Anteil an der Vorbereitung für das private und
öffentliche
Leben gewährleistet werden kann.
Zeitbudget
Der Geographie sollte ein Zeitbudget zugebilligt werden, das den
anderen
Kernfächern des Curriculums entspricht. Die Stundentafel sollte
regelmäßige
Unterrichtsstunden das ganze Jahr hindurch vorsehen, aber auch die
Möglichkeit
größerer Zeitblöcke für Projekte und
Geländestudien
gewährleisten.
Die Alfred-Wegener-Stiftung -
Vertretung der deutschen Geowissenschaften
- fordert daher:
-
Einführung in geographische Fragestellungen im Heimatkunde-,
Erdkunde-
und Sachunterricht der Primarstufe;
-
kontinuierlichen zweistündigen Geographieunterricht in den
Schuljahrgängen
5 bis 10 aller allgemeinbildenden Schulen;
-
die Einführung von Geographie als Pflichtkurs in der gymnasialen
Oberstufe;
-
kontinuierlichen Geographieunterricht in allen Formen des
berufsbildenden
Schulwesens;
-
den Verzicht auf unklare Lernbereiche und sogenannte
Integrationsfächer,
in denen geographische, historische und sozialkundliche Inhalte
didaktisch
unkonturiert vermengt werden;
-
die Angleichung der Lehrpläne in den 16 Ländern der
Bundesrepublik
Deutschland und ihre Orientierung an der Entwicklung in den anderen
Staaten
der Europäischen Union;
-
ohne Ausnahme Geographieunterricht durch Fachlehrer.
Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung
Geowissenschaftliche Studienanteile müssen vorgesehen bzw.
Studienfachkombinationen
von Geographie mit anderen Natur- oder Geowissenschaften
ermöglicht
werden, um kompetente Fachlehrende auszubilden. Nur unter diesen
Voraussetzungen
ist eine qualifizierte geowissenschaftliche Dimension des
Geographieunterrichts
zu gewährleisten.
Geowissenschaften als
Bezugswissenschaften des Geographieunterrichts
Bei neuen Lehrplänen und Stundentafeln ist darauf zu achten,
daß
u.a. alle Geowissenschaften zu den Bezugswissenschaften des
Geographieunterrichts
in der Schule zählen. Dies bedeutet, daß der
Geographieunterricht
mehr als alle anderen Fächer breit interdisziplinär angelegt
ist und deshalb entsprechende Entfaltungsmöglichkeiten
benötigt.
Diese "Leipziger Erklärung zur
Bedeutung der Geowissenschaften
in Hochschule und Schule" wurde während der
Alfred-Wegener-Konferenz
im Institut für Länderkunde in Leipzig vom 28. bis 29.
Oktober
entworfen und während einer öffentlichen Veranstaltung in der
Alten Handelsbörse in Leipzig am 30. Oktober 1996 proklamiert.
Die Konferenzteilnehmer empfehlen
allen Kultusbehörden die Übernahme
der Erklärung zur Verwirklichung einer angemessenen
geowissenschaftlichen
und geographischen Bildung unserer Gesellschaft.
Prof. Dr. R. Meißner,
Präsident
der Alfred-Wegener-Stiftung
Prof. Dr. G. Heinritz, Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Geographie
Literatur
-
Déclaration internationale des droits de la mémoire de la
Terre (13.6.1991) In: Actes Du Premier Symposium International Sur La
Protection
Du Patrimoine Géologique (ed. Mémoire De La
Société
Géologique De France. Nouvelle Série - 1994)
Digne-Les-Bains
-
Der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
(1993)
Agenda 21. Bericht der Bundesregierung über die Konferenz der
Vereinten
Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de
Janeiro.
Bonn
-
Haubrich, H. (Hrsg.) (1994) International Charter on Geographical
Education.
Nürnberg
-
Haubrich, H. (Red.) (1996) Geowissenschaften in Lehrerbildung und
Schule.
In: Terra Nostra 96/10. Köln
-
Unesco (1994) Science and Technology Education for all. The project
2000+
Declaration. Paris
-
United Nations (1996) The Habitat Agenda: Goals and Principles,
Commitments
and Global Plan of Action. Istanbul
-
Verband Deutscher Schulgeographen e.V. (1995) Geographische Bildung und
Umwelterziehung - eine Forderung unserer Zeit. Ein bildungspolitisches
Positionspapier zur Standortbestimmung des Geographieunterrichts in der
Bundesrepublik Deutschland.
-
Worldwatchinstitute (Hrsg.) (1996) Zur Lage der Welt - 1996. Daten
fürs
Überleben unseres Planeten. Frankfurt a.M.
-
Zentralverband der Deutschen Geographen (1977) Empfehlungen zur
Ausbildung
von Geographielehrern für die Sekundarstufe I und II. In:
Geographische
Rundschau, 1977, 10, 343f.